Online-Hassreport: Trends und Entwicklungen 2017–2025
Hass gegen Minderheiten verbreitet sich in sozialen Medien heute schneller, sichtbarer und strategischer als je zuvor. Das Booklet „Online-Hassreport – Trends und Entwicklungen 2017–2025 BanHate“ der Antidiskriminierungsstelle Steiermark zeigt erstmals systematisch, wie sich digitale Hasspostings in diesem Zeitraum entwickelt haben – und welche gesellschaftlichen Dynamiken dahinterstecken.
23.343 Meldungen seit 2017
Seit dem Start der BanHate-App im Frühjahr 2017 wurden insgesamt 23.343 Hasspostings gemeldet. Davon wurden 11.263 Meldungen an zuständige Stellen in Österreich, Deutschland und der Schweiz weitergeleitet beziehungsweise zur Anzeige gebracht. 12.080 Meldungen wurden nicht weiterverfolgt, weil sie strafrechtlich nicht subsumierbar, bereits verjährt oder nicht löschbar waren.
Von den weitergeleiteten Meldungen betraf der größte Anteil verhetzende Inhalte mit 3.433 Postings (30,5 %). Es folgten 2.668 Postings (23,7 %) mit nationalsozialistischen Parolen oder Inhalten der Wiederbetätigung. 1.734 Postings (15,4 %) entfielen auf Beleidigungen und üble Nachrede, 679 Postings (6,0 %) auf Aufforderungen zu mit Strafe bedrohten Handlungen und 361 Postings (3,2 %) auf gefährliche Drohungen. Weitere 2.388 Postings (21,2 %) betrafen sonstige Inhalte wie sexuelle oder fortdauernde Belästigungen, Cybermobbing, die Herabwürdigung religiöser Lehren oder Verstöße gegen das Symbole-Gesetz.
Über den gesamten Zeitraum hinweg weist Fremdenfeindlichkeit mit 4.131 Meldungen – mit Ausnahme der Jahre 2020 und 2021 – die höchsten Werte auf. In diesen beiden Jahren lagen Fake News mit 2.156 Meldungen an erster Stelle. Insgesamt rangieren NS-Parolen mit 3.758 Meldungen auf Platz zwei, gefolgt von Fake News mit 3.230 Meldungen.
Hass im Netz folgt gesellschaftlichen Krisen und Konflikten
Die Auswertung zeigt ein klares Muster: Digitale Gewalt nimmt häufig im Zusammenhang mit öffentlichen Ereignissen, Krisen und Kriegen zu und ist kein statisches Phänomen. In den Anfangsjahren dominierten Postings gegen Geflüchtete im Kontext der Fluchtbewegungen aus Syrien und Afghanistan. Spätere Ereignisse wie der russische Angriffskrieg auf die Ukraine oder der Terrorangriff der Hamas auf Israel führten zu Wellen von Hasspostings, insbesondere mit antisemitischen und antimuslimischen Inhalten.
Auch gesellschaftliche Entwicklungen beeinflussen die Richtung digitaler Anfeindungen. Im Zuge der #MeToo-Bewegung richtete sich 2018 ein erheblicher Teil der gemeldeten Hasspostings gegen Frauen, vor allem gegen Frauen in der Öffentlichkeit. Während der Corona-Pandemie verschob sich der Fokus deutlich: Zahlreiche gemeldete Beiträge verbreiteten Verschwörungstheorien oder richteten Hass gegen Politiker:innen, Polizist:innen, Journalist:innen und Ärzt:innen.
Mit der Zunahme an Klimastreiks waren auch Klimaaktivist:innen verstärkt digitalen Anfeindungen, Beschimpfungen und Bedrohungen ausgesetzt. Rund um Ereignisse wie den Eurovision Song Contest oder während der Pride-Monate nahm in den vergangenen Jahren zudem queerfeindliche Hetze gegen LGBTQIA+-Personen, darunter Transpersonen und Dragqueens, deutlich zu.
Auch einzelne Gewaltereignisse können diese Dynamiken verstärken: Nach dem Amoklauf 2025 in Graz häuften sich etwa fremdenfeindliche und antimuslimische Hasskommentare, die sich unter anderem gegen Angehörige der Opfer richteten.
„Hass vervielfacht sich durch Ereignisse“
„Hass beschleunigt sich durch soziale Medien und multipliziert sich durch Krisen und Kriege. Politische Debatten, gesellschaftliche Ereignisse und globale Entwicklungen werden gezielt genutzt, um zu spalten – gleichzeitig führt diese Dynamik dazu, dass immer wieder unterschiedliche Gruppen zur Zielscheibe von Online-Hass werden.“
Empfehlungen der Antidiskriminierungsstelle Steiermark
Die Antidiskriminierungsstelle Steiermark empfiehlt, auf erwartbare Wellen von Hass und Hetze besser vorbereitet zu sein. Insbesondere bei wiederkehrenden Großereignissen, bei denen Hasspostings absehbar sind – etwa beim Eurovision Song Contest –, sollten frühzeitig klare Zuständigkeiten und verbindliche Handlungsstrategien festgelegt werden.
Im Umgang mit Hasspostings braucht es klare Richtlinien, verstärkte Sensibilisierung und ein aktiveres Tätigwerden der Behörden. Denn mit zunehmender Ereignisdichte steigt auch das Risiko von Radikalisierung.
Statement von Jörg Leichtfried
„Der rasante Anstieg von Extremismus, Hass und Frauenfeindlichkeit im Netz ist eine der größten demokratischen Herausforderungen unserer Zeit. Das Internet wird zunehmend zum Rekrutierungs-Hotspot für extremistische Gruppierungen, die gezielt immer jüngere Opfer adressieren. Auch gegen das massive Erstarken demokratiegefährdender Frauenfeindlichkeit im Netz gilt es, konsequent vorzugehen.“
Stimmen von Expert:innen
Katharina Scherke, Professorin für Soziologie an der Uni Graz und next-Expertin für Antifeminismus, betont die gesellschaftlichen Hintergründe von Hass und ruft dazu auf, abwertenden Botschaften entschlossen entgegenzutreten.
Helmut Konrad, Historiker und next-Experte für Antisemitismus, verweist darauf, dass digitale Hassrede häufig auf alte Diskriminierungsmuster zurückgreift und klassische antisemitische Stereotype weiterwirken.
Dieter A. Binder, Historiker und next-Experte für Rechtsextremismus, bezeichnet BanHate als niederschwellige Plattform, um Hasspostings zu erfassen und konsequent dagegen vorzugehen.
Karl Prenner, Theologe und next-Experte für religiösen Extremismus, hebt hervor, dass Religion sowohl zur Ausgrenzung missbraucht als auch als Ressource für Respekt und gesellschaftlichen Zusammenhalt verstanden werden kann.
Joe Niedermayer von den RosaLila PantherInnen unterstreicht, dass der Umgang mit Minderheiten ein Maßstab für die Reife einer Gesellschaft ist. Trotz rechtlicher Fortschritte brauche es weiterhin konkrete Unterstützung und klare Positionen gegen Spaltung und Ausgrenzung.